Radetzkymarsch
Deutschland, Österreich 1965, 210 Minuten
Regie: Michael Kehlmann

Drehbuch: Michael Kehlmann, nach dem Roman von Joseph Roth
Musik: Rolf A. Wilhelm
Director of Photography: Elio Carniel
Montage: Leontine Klicka
Produktionsdesign: Walter Dörfler

Darsteller: Leopold Rudolf (Baron Trotta), Helmut Lohner (Carl Joseph Trotta), Hertha Martin (Eva), Manfred Inger (Dr. Demant), Fritz Eckhardt (Knopfmacher), Jane Tilden (Frau Kathie), Rudolf Rhomberg (Slama), Karl Ehmann (Jacques), Pit Krüger (Onufrij), Walter Sedlmayr (Rittmeister Taittinger), Erwin Strahl (Rittmeister Tattenbach), Max Brebeck (Kaiser Franz Joseph), Fritz Hinz-Frabricius (Graf Chojnitzky), Helmut Qualtinger (Kapturak), Franz Stoss (Major Zoglauer)

Verloren …

„Ich bin ein Franzose aus dem Osten,
ein Humanist, ein Rationalist mit
Religion, ein Katholik mit jüdischem
Gehirn, ein wirklicher Revolutionär.“
(Joseph Roth)

Alles scheint fixiert, festgezurrt. Zweifel kann es nicht geben, selbst wenn sie nagen. Und sie nagen, stetig, ein Leben lang, ein Leben, das in jeder Pore vorherbestimmt zu sein scheint. Es ist die Einheit von göttlicher Fügung und menschlichem Gehorsam, die dieses Leben als etwas vollkommen Natürliches erscheinen lässt. Natur und Kultur scheinen verschmolzen zum Höhepunkt menschlichen Daseins. Das Bestehende scheint das einzig Wahre, das einzig Mögliche und der Höhepunkt sozialer Entwicklung. Das Individuum wird zum Instrument des einzig Wahren, Echten, ja Wahrhaftigen. Und doch erscheint der einzelne in dieser Ideologie – wie in jeder anderen – als in seinen Taten und Worten vollkommenes und selbständiges Subjekt. Das Subjekt verschmilzt mit dem Objekt zur wahren Größe. Das Äußere und Innere werden eins; eine Differenz ist nicht mehr sichtbar.

Und doch trügt dieser Schein einer untergehenden Welt, die sich verzweifelt, aber meist mit der höchst möglichen Contenance gegen ihren eigenen Verfall wehrt. Joseph Roth (1894-1939) hat wie kein anderer diesen Verfall – hier der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn – in seinen Romanen beschrieben. „Radetzkymarsch“ wurde mehrfach filmisch adaptiert, zuletzt von Axel Corti 1995. Auch andere Regisseure widmeten sich dem peniblen Erzähler und Beobachter Roth und seinem Werk, etwa Bernhard Wicki mit „Das Spinnennetz“ (1989) und „Das falsche Gewicht“ (1971, mit dem unvergessenen Helmut Qualtinger in der Hauptrolle) oder Wolfgang Staudte mit „Die Rebellion“ (1962). Roth, hineingeboren in eine Zeit des Verfalls, des ungestümen Wandels, des ersten Weltkrieges, der Revolutionen, erzählt in seinem Roman die Geschichte der Familie Trotta, einer ursprünglichen armen slowenischen Bauernfamilie, die durch ein Ereignis ihren Aufstieg ins „zweite Glied“ der k.u.k.-Monarchie erringen konnte. Der Roman spannt sich über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren. 1859 rettet Joseph Trotta dem jungen Kaiser Franz-Joseph als „Held von Solferino“ das Leben, erhält dafür den militärischen Maria-Theresia-Orden, wird in den Adelsstand erhoben als Joseph Trotta von Sipolje und zum Hauptmann befördert. Roth erzählt die Geschichte weiter, die des Sohnes und des Enkels des „Helden von Solferino“ bis hinein in den ersten Weltkrieg.

Michael Kehlmann erzählt in seinem 1965 vom Bayerischen und Österreichischen Rundfunk für das Fernsehen produzierten Film lediglich die Geschichte des Enkels des Helden von Solferino, der von seinem Vater Baron Trotta (Leopold Rudolf) schon in jüngsten Jahren ausgehend von diesem Ereignis für eine militärische Laufbahn erzogen wird. Von klein auf ist das gemalte Portrait des Großvaters für Carl Joseph Trotta (Helmut Lohner) einziges und unumstößliches Vorbild für seine Zukunft.

Baron Trotta schickt seinen Sohn Carl auf die Kadettenschule. Als er Jahre später im Alter von 19 Jahren nach Hause zurückkehrt, prüft ihn der Vater stundenlang, ob er auch das gelernt hat, was man beim Militär eben zu lernen hat, kurz, ob er dem Andenken an seinen Großvater gerecht wird. Und gebetsmühlenartig fasst Carl das zusammen, was das Wichtigste ist, was ein junger Leutnant zu lernen hat: Subordination – dem Vater gegenüber, den Vorgesetzten gegenüber, der Monarchie gegenüber. Alle Neuerungen des 20. Jahrhunderts – wir befinden uns in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg – sind Gefahren für die Tradition der Monarchie. Was der Vater Carls selbst nicht erleben durfte – die Zeit beim Militär, denn der „Held von Solferino“ ließ dies nicht zu, so dass Baron Trotta eine zivile Karriere beginnen musste, bis zum Bezirkshauptmann –, das soll sein Sohn in Übermaßen verinnerlichen: seine Bestimmung zum Soldaten, zum Offizier, zum Diener des Kaisers und der Monarchie.

Aber von Anfang nähren Carl Zweifel an dieser Vorbestimmung seines Lebens. Carl gehorcht, und nur heimlich durchbricht er die Konventionen. So ist sein Verhältnis zum örtlichen Wachtmeister Slama (Rudolf Rhomberg) gespannt, denn er hatte ein Verhältnis mit dessen wesentlich älterer Frau Kathie (Jane Tilden). Liebesbriefe wurden geschrieben, und Slama und Baron Trotta wissen von der Sache, die unter dem Teppich gehalten wird.

Und als Carl sich mit dem jüdischen Militärarzt Dr. Demant (Manfred Inger) anfreundet, kündigt sich eine weitere Katastrophe an. Dessen viel jüngere Frau Eva (Hertha Martin), die ihren Mann nicht liebt und sich gern von anderen Männern hofieren lässt, wird von Carl nach einem Theaterbesuch Arm in Arm nach Hause gebracht, was den Rittmeister Tattenbach (Erwin Strahl) dazu treibt, Demant zu provozieren und zu beleidigen. Er beschimpft ihn als „Jud“ und tituliert Eva mehr oder weniger offen als Hure. Carl ist verzweifelt, denn der kurzsichtige Demant, sein einziger Freund, muss in ein Duell mit Tattenbach einwilligen, das sein sicherer Tod sein wird.- Hier endet der erste Teil des Films.

„Alles, was wächst, braucht viel
Zeit zum Wachsen. Und alles, was
unterging, brauchte lange Zeit,
um vergessen zu werden. Alles aber,
was einmal vorhanden gewesen war,
hatte seine Spuren hinterlassen.
Und man lebte dazumal von den
Erinnerungen, wie man heutzutage
Lebt von der Fähigkeit, schnell und
nachdrücklich zu vergessen.“


Carl lässt sich an die russische Grenze versetzen. Er will vergessen, obwohl er weiß, dass er nichts vergessen kann. Zwei weitere Ereignisse werden nun sein Leben bestimmen. Zum einen verschuldet er sich – wie viele seiner Militärkameraden auch – bei einem Casinobetreiber namens Kapturak (Helmut Qualtinger). Sein Vater setzt alles in Bewegung, um Carl von diesen Schulden zu befreien: Er erhält nach langen Bemühungen eine Audienz beim Kaiser, der Kapturak des Landes verweist und das Casino schließen lässt. Zum zweiten wird Carl befohlen, auf demonstrierende sozialistisch gesinnte Arbeiter zu schießen, die eine verbotene Versammlung nicht auflösen wollen. Und Carl handelt, wie man es von ihm verlangt, obwohl er in seinem Inneren dies verabscheut.

Immer wieder denkt er daran, das Militär zu verlassen, und als er es schließlich tut und von einem Baron als Verwalter eingestellt wird, wird in Sarajewo der Thronfolger Franz-Ferdinand ermordet und der erste Weltkrieg beginnt. Carl zieht in den Krieg …

Obwohl Kehlmann lediglich einen Teil des Romans Joseph Roths für seinen Film inszenierte, wird die ganze Brisanz der persönlichen Geschichte der Trottas und ihrer Eingebundenheit in ein untergehendes Reich plastisch. Das ist vor allem Leopold Rudolf und Helmut Lohner in den Hauptrollen von Vater und Sohn Trotta zu verdanken, aber auch einer fast schlichten, unsentimentalen, geradezu sachlichen Inszenierung, die in vielem zudem einer Theateraufführung ähnelt. Die zeitweise Nähe Roths zur Kunstrichtung der „Neuen Sachlichkeit“ der 20er Jahre wird hier ebenso deutlich wie Roths späterer Abgrenzung von dieser Richtung, die einer strengen Objektivität das Wort redete. Roth selbst konterkarierte später seine eigene zeitweilige Sympathie für die „Neue Sachlichkeit“ mit einer extrem subjektiven Blickrichtung auf seine Personen. Und dies ist dem Roman „Radetzkymarsch“ ebenso anzumerken wie dem Film Kehlmanns.

Roth, der darum wusste, dass die alte Gesellschaft des Kaiserreichs keine Zukunft haben konnte, war doch zugleich kein Richter der k.u.k.-Monarchie. Nein, im Gegenteil, merkt man seinen Romanen eine kaum heimliche Zwiespältigkeit an, eine Art Nostalgie, eine Art begründeter Schwärmerei, wenn er die neue Zeit nach 1918 mit der alten Zeit in Kontrast setzte. Es ist gerade diese Ambivalenz in den Romanen Roths, die wiederum zu dem treibt, was Roth an der „Neuen Sachlichkeit“ eigentlich ablehnte: nämlich objektiver Beobachter eines objektiv erfassbaren Gegenstands sein zu können. Wenn er später – Roth war 1933 aus Deutschland emigriert, nicht nur weil er Jude war, sondern auch, weil er die Brutalität und den Krieg voraussah – sich monarchischen Strömungen verbunden fühlte im Kampf gegen die Hitlersche Barbarei, so drückt sich darin diese nostalgische Ader seiner Mentalität aus.

Kehlmann setzt diese Ambivalenz in den Figuren des Stücks und in den wesentlichen Handlungssträngen in Bilder um. Lohner – wohl einer der größten deutschsprachigen Nachkriegsschauspieler – weiß die oft fast, aber nur fast zerreißende Spannung zwischen der äußeren Unterordnung Carls und der inneren Verzweiflung dieses jungen Mannes in überzeugender Weise nahe zu bringen. Gleiches gilt für Leopold Rudolf als Vater Carls, der die ganze Zeit über unfähig ist, Gefühle zu zeigen. Er spielt einen Vater als Funktion des Kaiserreichs, als Sachwalter einer Donaumonarchie gegenüber dem eigenen Sohn.

Kehlmann zeigt – über die eigentliche Geschichte hinaus −, wie sozusagen aus einem „Urereignis“ (der „Held von Solferino“) heraus das Leben eines Menschen in seiner Gänze bis zu seinem Tod bestimmt wird. Er urteilt nicht darüber, er verschweigt auch nicht, dass es Momente gegeben hat, in denen ein – zweifellos schwieriger und mit etlichen Friktionen verbundener − Ausbruch aus dieser schicksalhaften Bestimmung möglich gewesen wäre. Über die eigentliche Geschichte hinaus aber bedeutet auch, wie manipulierend Erziehung Menschen in einen Weg drängen kann, den sie von ihrer emotionalen, inneren Konditionierung her sie „eigentlich“ gar nicht gehen wollen. Dies zeigt sich bei Carl deutlich in seinem Verhältnis zu Frauen: die erste Frau seines Lebens – eine Mutter ist nicht präsent – ist wesentlich älter und verheiratet. Die zweite Frau, Eva, ist lebenslustig, liebt ihren Mann, Dr. Demant, nicht, der aber sein einziger Freund ist und mit der sich daher jegliche Nähe verbietet. Die Grenzen und Verbote werden zwar ständig durchbrochen, aber sie führen weder bei Carl, noch bei seinen Militärkameraden zu Liebesbeziehungen. Während sich seine Kameraden im Bordell vergnügen, kappt Carl alle Beziehungen zu Frauen außerhalb. Hier paart sich eine gewisse Unfähigkeit mit den von außen aufgezwungenen Erfordernissen der Gesellschaft.

Der „Übervater“ Kaiser Franz-Joseph – von Roth wie Kehlmann in zwei längeren Szenen fast satirisch, ja zynisch präsentiert als ein geradezu alberner, ja naiver Herrscher, der von nichts wirklich eine Ahnung hat – repräsentiert nicht nur diese grauenvolle Gesellschaft des „Vielvölkergefängnisses“ Österreich-Ungarn, sondern zugleich auch dessen Verfall, dessen Todeskampf, der sich über Jahrzehnte hinzieht und Carl wie seinen Vater in den Tod stürzen wird.

Der Abgesang auf die Donaumonarchie ist bei Roth wie Kehlmann von einer tiefen Melancholie durchdrungen. Es ist nicht jene Pseudo-Allwissenheit der Nachgeborenen, die alles über das „Alte“ zu wissen glauben und in ihrer Verurteilung dieses „Alten“ so sicher sind wie das Amen in der Kirche auf jeden Fall gesprochen wird, die Roman wie Film durchzieht. Es ist jene tieftraurige literarische wie filmische, akribische Beschreibung von Subordination und Gefangenheit von Personen, die Roman wie Film lenken.

Besonders deutlich wird dies im Verhältnis von Vater und Sohn. Wie gern hätte der Sohn eine Berührung des Vaters, wenn auch nur einmal, gespürt. Wie sehr jedoch ist der Vater in seiner knöchernen Subordination gefangen. Und auch wenn er gern wollte, würde er es nicht wagen, der familienbildenden Legende des „Helden von Solferino“, die die Trottas erst zu dem gemacht hatte, was sie ist, einen auch nur leichten Stoß zu versetzen. „Wenn ich nur wüsste, wo ich zu Hause bin“, sagt Carl einmal zu sich in seiner ganzen Verzweiflung. Und zu seinem Vater: „Wenn wir nur miteinander reden könnten.“ Niemand ist hier zu Hause und niemand redet mit dem anderen. Roths wie auch Kehlmanns Verdienst besteht darin, diese selbst gewählte Gefangenheit und zugleich geforderte Gefangenschaft ihrer Akteure, die immer objektiv und subjektiv zugleich ist, in aller Tiefe beschrieben zu haben.

Der Vater glaubt bis zu seinem Tod an die eigene Gefangenschaft. Als der Kaiser in hohem Alter stirbt, kommentiert er: „Die Trottas haben den Kaiser gerettet, aber er kann sie nicht überleben.“ Und Franz-Joseph sinniert auf dem Sterbebett, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der Großvater Trotta ihn nicht gerettet hätte. Als Carl beim Wasserholen auf dem Schlachtfeld im ersten Weltkrieg stirbt, zieht seine lebenslange Gefangenschaft, vor allem das Bild seines Großvaters an ihm vorbei.

Wertung: 10 von 10 Punkten.

(30. November 2008)